Designer - Martin Dettinger

 

Im Interview

Designer M. Dettinger mit B. Schüller

www.martindettinger.de

Gröbenzell, Firma ritterwerk GmbH,  04.07.2014     

 

 

Martin Dettinger, Produkt Designer, ist seit 2010 für die ritterwerk GmbH tätig. Der Wasserkocher fontana5 steht explizit in der Bauhaus-Tradition der Firma und erlangte die international anerkannte Auszeichnung Red Dot Award. Daneben entstand unter Dettingers Federführung der klappbare Allesschneider icaro7.
Platzsparend, solide und formschön tritt auch dieses Standgerät in die Fußstapfen der Bauhaus-Tradition und findet großen Anklang auf dem Markt.

Martin Dettinger über die hohe Kunst des „fassbar“ Einfachen und sein Credo der Langlebigkeit.

 

Sie betiteln den Wasserkocher mit ihrer interessanten Version der Steigerung von gut, nämlich als: „gut, besser, einfach.“ Ist dies Ihre Philosophie: das Beste ist das Einfache?

Das Einfache ist oft das Schwierigere. Am Ende ist es das Beste, wenn das Produkt als Teil seines Umfelds einfach bleibt.

 

Wie kamen Sie zum Industriedesign? War das von Anfang an Ihr Steckenpferd?

Zunächst wollte ich Ingenieur werden und Maschinenbau studieren. Dann merkte ich, dass mich das greifbare Ergebnis mehr interessierte und ich etwas (an-)fassbares herstellen wollte. Design ist ein Zwischenraum zwischen künstlerischer Arbeit und technischen Notwendigkeiten. Es war die damit verbundene Vielseitigkeit, die mich von Anfang an reizte.

 

Gab/gibt es einen „Stern“ am Designhimmel, der Ihr Vorbild war/ist oder eine bestimmte Ausrichtung / Schule?

[Die Antwort kommt schnell] Richard Sapper – 1932 in München geboren, lebt und arbeitet seit 1958 in Mailand. Sehr erfolgreich und mit diversen Preisen geehrt. Seine Arbeit ist technisch orientiert und er versteht es dabei doch, immer einen Schuss Ironie in seine Produkte zu bringen, zum Beispiel die roten Druckknöpfe an seiner weltbekannten „Tizio“ Leuchte, welche die Funktion des Gelenks übernehmen.

Eine Designschule, welche mich besonders fasziniert, ist die Hochschule für Gestaltung Ulm, gegründet 1953 von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher, Max Bill und anderen. Die HfG Ulm brach mit den traditionellen Ausbildungswegen.

Es wurden Elemente des Bauhauses aufgegriffen und fortgeführt und - das war der große Unterschied - ein entscheidender Schritt in Richtung der Industrie gemacht.

Die Dozenten der Ulmer Schule entwickelten bahnbrechende industrielle Konzepte. Hans Gugelot, Direktor der Ulmer Schule, leitete den Studiengang Industriedesign und arbeitete direkt mit der Firma Braun Elektrogeräte zusammen. Gugelot prägte wie kein anderer den Begriff Systemdesign.

 

ritterwerk in Bauhaus-Tradition - Wie ist Ihre persönliche Verbindung zur Bauhaus-Tradition?

Meine Großmutter selbst studierte an der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule Weimar „Ornamentales Pinselzeichnen“. Ich allerdings bekam dann als kleiner Junge damit später die Gelegenheit, mit ihr zeichnen zu dürfen.

Im Verlauf der Entwicklung des Bauhaus wich das Ornamentale dem Funktionellen. Parallel dazu verlief im Bereich Malerei der Wandel vom Gegenständlichen zum Abstrakten, das heißt der Weg der Kunst am Bauhaus vom Gegenständlichen zur Abstraktion führte beim Objekt zur Abkehr vom dekorativem Ornament als Gestaltungsmittel hin zur reinen Farbe und Form. Jedoch erst später erfolgte die explizite Ausrichtung des modernen Produktdesigns auf Ergonomie und Funktion.

 

Sehen Sie in der Welt des aktuellen Designs einen deutlichen Bauhaus-Trend?

Nein, vielmehr einen deutlichen Trend zur Reduktion, zum Beispiel wird die Physis technischer Geräte immer kleiner. Jedoch besteht heutzutage das Eine neben dem Anderen. Bei Küchen beispielsweise gibt es neben der Tendenz zur aufgeräumten, geschlossenen Form wieder einen Trend zu offenen Lösungen, einer, die den Menschen auffordert: Komm koch mit mir!

 

Worin besteht für Sie ein gewinnbringender Brückenschlag zwischen Tradition und heute und ist für Sie und Ihre Arbeit die Verbindung zur Tradition bedeutsam?

Meine Zielsetzung ist die Langlebigkeit, auch optisch, eben nicht kurzfristigen Trends hinterherzulaufen. Das ist für mich eine Tradition, der ich mich verbunden fühle.

Ein schönes Beispiel für Tradition im Sinne von Langlebigkeit ist ein alter Bauernhof. Er steht für eine traditionelle Lebensweise und doch folgen seine Ausstattung und die Geräte bis ins Detail der Funktion. Selbst ornamentale Details am Dachstuhl dienen eher dem Wetterschutz, sind von der Funktion bestimmt und existieren nicht um der reinen Verzierung willen.

 

Auf Ihrer Website zitieren Sie Red Adair, nicht Designer, sondern prominentester Feuerwehrmann aller Zeiten: „If you think it`s expensive to hire a professional to do the job, wait until you hire an amateur.“ (Wenn Sie glauben, es sei teuer, einen Professionellen die Arbeit tun zu lassen, warten Sie, bis Sie einen Amateur angestellt haben.) Ist das Ihr Credo: Qualität hat seinen Preis? - zum Beispiel „Made in Germany“ - liegt hier eine direkte Verbindung zur Unternehmensstrategie von ritterwerk?

[lacht] Ja, Red Adair war Profi, ein Spezialist, der bei lebensgefährlichen Löschaktionen professionell vorging. Nur so hatte er eine Chance, seinen Job gut zu erledigen, er hantierte ja mit Feuer und Sprengstoff!

Das von mir hier aufgegriffene „Professionelle“ zielt auf die Zusammenarbeit mit einem Designer. Ich spreche die Problematik des Designers bezüglich seiner Auftraggeber an.

Leider werden heute aus Kostengründen Billigangebote der hochwertigen Arbeit eines professionellen Designers am Ende vorgezogen. Dann mangelt es tatsächlich an Langlebigkeit, nämlich in der Beziehung zwischen Designer und Auftraggeber. Durch eine langlebige Partnerschaft können sich die gemeinsamen Projekte in einem kontinuierlichen Prozess und auf der Grundlage von Vertrauen entwickeln.

[nach kurzer Pause] Im Übrigen aber wechseln die Zitate auf meiner Website von Zeit zu Zeit.

 

Sie überschreiben Ihr Design mit dem Begriff KONSTRUKTIV im doppelten Sinne, ordnend und zielführend. Ist es Ihre konstruktive Arbeit, die den Wasserkocher so optimal „einfach“ macht?

Wie sieht das konkret aus? Können Sie es uns beispielhaft an fontana5 erklären? Wie verbinden sich technische Notwendigkeiten und Design?

Um anzuschließen an die gerade erwähnte Langlebigkeit der Beziehung zwischen Designer und Auftraggeber, möchte ich zunächst auf den zweiten Aspekt von konstruktiv, das Zielführende eingehen. Die Zusammenarbeit zwischen Designer und Auftraggeber im Prozess der Entwicklung muss konstruktiv sein. Dann führt sie zum gewünschten Ziel.

Der ordnende Aspekt von konstruktiv dagegen bedeutet, bei der Entstehung eines Produktes, seine Funktionsbereiche systematisch aufzuschlüsseln.

Im Falle des Wasserkochers fontana5 beginnt es mit dem Befüllen des Kessels. [Er greift nach dem Gerät] Hierzu gehört beispielsweise das Öffnen des Deckels, unter anderem, dass er optimaler Weise 90° geöffnet werden kann. Und wie er geöffnet wird, welchen Öffnungshebel besitzt er und wie integriert dieser sich in den Deckel? In diesem Fall ist er bündig integriert und einfach und sicher zu bedienen.

Nach dem Befüllen? Wird der Kessel eingeschaltet! Es stellte sich die Frage, welche unterschiedlichen Temperaturbereiche wären sinnvoll (Tee, Kaffee, Kochen) und wie werden diese geregelt?

Beim Wasserkocher fontana5 wird die Wahl von vier Temperaturbereichen (70°, 80°, 95° und 100° Celsius) statt mit einer individuellen Regelung durch vier deutlich getrennte Knöpfe angeboten. Die Entscheidung für diese Lösung erfolgte im Sinne einer optimal einfachen Bedienung.

Anschließend geht es um die Handhabung beim Ausgießen des heißen Wassers. [Er macht die entsprechende Bewegung] Wie also sind Ausgießer und Griff gestaltet, damit ein optimales Ergebnis erzielt wird?

Sie sehen, wie unser Ziel bei der systematischen Aufstellung immer das Einfache ist.

 

Sie haben sich auf Ihrer Internetseite für ein Porträtfoto entschieden: man sieht Sie lächelnd, gut geerdet stehen, die Hände entspannt in den Taschen vor einem kühlen aber mediterranen Blau. Möchten Sie damit eine Aussage über Ihre Philosophie und Arbeit machen?

Dieses Foto ist relativ neu. Mir war das alte Porträt in schwarz weiß zu streng und unpersönlich und es passte nicht mehr zu den Veränderungen, die in meinem Arbeitsleben stattgefunden haben. Die Farbe des Hintergrundes allerdings war nicht von mir beabsichtigt.

Vielmehr hatte der Fotograf diesen Hintergrund vorgegeben und wir stimmten lediglich die Kleidung ein wenig darauf ab. Ich bin mit dem Fotografen befreundet und wir hatten gute Stimmung, aßen zusammen, bevor die Fotos gemacht wurden. [lacht] Zunächst hat er mir solche Lichterketten über den Kopf gelegt und es kamen sehr amüsante Bilder zustande.

Damit wurde die Stimmung entspannt und heiter. [Auf seinem Tablet zeigt er Kostproben] Letztendlich habe ich mich unter den vielen Fotos, die entstanden, für dieses entschieden, weil es einen sehr offenen Ausdruck besitzt. Das entspricht meinem Wunsch nach einer Beziehung voll Offenheit und Klarheit gegenüber meinem Auftraggeber.

 

Dass der markante Schatten Ihres Gesichts auf dem Foto an das holzschnittartige Logo des Bauhaus erinnert, ist also wohl ein Zufall und eine spitzfindige Interpretation?

Ja, das ist Zufall und nicht beabsichtigt.

 

Wie beurteilen Sie aktuelles deutsches Produktdesign im internationalen Ranking?

Es ist immer noch auf Platz 1. Seit den 50er Jahren verband sich mit dem deutschen Produktdesign und Firmen wie allen voran Braun ein sachlicher Stil. Es gibt seither phantastisches deutsches Produktdesign. Auf der Mailänder Möbelmesse fragte mich einmal ein italienischer Kollege: “Was machen denn bloß die vielen Deutschen hier?“ 

 

Was empfehlen Sie jungen Menschen, die heute Designer werden wollen?

Ich empfehle dringend, handwerkliche Praxis zu erlangen. So faszinierend die Möglichkeiten mit den 3D-Computern auch sein können, so entfernt sind sie doch oft von der Realität. [Er holt ein Holzmodell aus seiner Tasche] Man muss greifen, um zu „begreifen“. Außerdem ist es unerlässlich, selbst zeichnen zu können.

 

Vielen Dank Herr Dettinger für dieses Gespräch. Weiterhin viel Erfolg und Erfüllung bei Ihrer Arbeit als Designer und Pionier des Einfachen!